Bardia Salour und Benni Eisenbeiss (DIF): “Das Smartphone in der Tasche lassen, auf die Tanzfläche und Augen zu”

Es war freundschaftliche Liebe auf den ersten Blick und die Zusammenarbeit zwischen den beiden Hamburgern Bardia Salour und Benni Eisenbeiss funktionierte ab dem ersten Moment. Das kann nicht jedes Produzenten-Duo von sich behaupten. Bardia und Benni sind seit über einem Jahrzehnt gute Freunde und nun produzieren sie gemeinsam und legen zusammen auf. Mit ihrem Projekt DIF veröffentlichten sie Mitte November 2014 ihre erste EP “Ghostrider” auf Paper Jet Records. Im trndmusik-Interview sprachen die Freunde über das Hamburger Clubsterben, Digital-Flut, Sven Väth und die Historie von Housemusik.

DIF

trndmusik: Bardia, musikalisch wurdest Du stark von Kraftwerk, Depeche Mode und weiteren geprägt. Hat Dich auch die Hansestadt in irgendeiner Weise geprägt?

Bardia Salour: Klar, definitiv. Hamburg war auch bekannt durch Clubs wie das Front und Unit 1 und hatte eine sehr Trance-geprägte Szene. Es gab eine starke House-Szene. Dennoch hast du auf Partys gleichzeitig Sven Dohse, Carl Cox und einen Gary D. gehört. Und da hat Trance uns auch irgendwo geprägt, weil man dem nicht entkommen konnte, wenn man auf diese Partys gegangen ist.

trndmusik: Vor 13 Jahren startest Du Deine eigene Event-Reihe: Electroart. Was passiert da momentan?

Bardia Salour: Da passiert gar nichts mehr! Das war eine sehr gute Zeit und wir waren in den unterschiedlichsten Locations; zuletzt dann im Waagenbau. Angefangen haben wir im 13. Stock über der Bar Rossi und Echochamber. Mit unseren Partys und dem starken Booking waren wir hier mit an der Pool-Position. Durch’s Auflegen und Produzieren hat sich das Selber-Veranstalten aber immer mehr reduziert. Selbst Partys zu veranstalten war auch eigentlich die logische Konsequenz von dem Ganzen, was man macht. Man wollte auch einfach Leute buchen, die man geil fand und nach Hamburg holen. Das war echt ne coole Zeit, die ich nicht missen möchte! Ich hatte viele Jahre mit Jakob Seidensticker (Seidensticker & Salour) eine Veranstaltungsreihe namens „Dance For Fans“. In letzten fünf Jahren waren wir im EGO beheimatet.
Für mich habe ich jetzt aber beschlossen, keine Veranstaltungen mehr zu machen, weil es sich finanziell einfach nicht mehr rechnet. Ich muss mit 40 Jahren nicht noch draufzahlen!

trndmusik: Jetzt gibt es ja ein ganz neues, frisches Projekt von euch beiden: DIF. Benni, vielleicht erzählst Du mir etwas dazu.

Bardia Salour: DIF steht für Deutsch-Iranische Freundschaft …

Benni Eisenbeiss: Wir kennen uns jetzt schon seit zwölf Jahren. In der Barbara Bar auf dem Kiez sind Bardia und ich das erste Mal aufeinander getroffen. Seitdem sind wir sehr gut befreundet und  sind schon einige Wege gemeinsam beschritten.

Bardia: Wir waren viel zusammen im Click. Auch das war eine Zeit, die uns sehr geprägt hat. Meiner Ansicht nach einer der besten Clubs, die es jemals in Hamburg gab – vom Booking her, vom Club, Know-how und den Leuten.

Benni: Da hat einfach alles gestimmt. Man konnte blind hingehen. Beim Click hast du nicht auf den Flyer geschaut, wer denn auflegt, sondern bis freitags hingegangen und wusstest genau: Da wird Qualität geboten!

Mit der Zeit hat sich dann eine kleine Community gebildet, bei der wir uns musikalisch ausgetauscht haben. Ich würde sagen die After-Hour-Community. Die Party nach der Party in meiner WG in der Scheplerstraße. Da sind wir uns dann auch wieder näher gekommen und haben angefangen zusammen aufzulegen.

Bardia: Irgendwann wurden wir dann von Freunden von uns gemeinsam gebucht und dann ging das regelmäßige Zusammen-Auflegen los. Ich hab damals zum Beispiel Benni auf einer meiner Electroartsgebucht.

Benni: Es war klar, dass wir irgendwann noch mal was zusammen machen. Ich habe damals mit Jens Beeseangefangen, mich in den Keller zu setzen. Das ging musikalisch auseinander, aber ich konnte mir meine Wurzeln legen und habe mir viel selbst angeeignet. Irgendwann haben sich Bardia und ich zusammengesetzt und das hat ab der ersten Sekunde sofort funktioniert und ging produktiv gleich sehr gut weiter.

Bardia: Jetzt haben wir ein gemeinsames Studio, was wir uns mit drei anderen Leuten teilen. Ohne ein Projekt zu planen oder uns selbst Druck zu machen, haben wir uns einmal die Woche getroffen und schnell gesehen, dass es richtig produktiv war. Aus Spaß haben wir die ersten Sachen losgeschickt und die Frucht davon ist jetzt unsere „Ghostrider EP“, die am 12. November auf Paper Jet Records erschien.  Paper Jet hat als erstes geantwortet. Bisher hatte Paper Jet nur digital veröffentlicht, aber es hat Tobias Graalfs so gut gefallen, dass er das Paket mit den  fetten Remixe von “Frag Maddin & Doubtingthomas” gleich auf Vinyl rausbringen wollte. Leider hat sich alles etwas verzögert und es sollte schon im September draußen sein, aber so hatten wir mehr Zeit für Promo!

trndmusik: Wie kann man Euch denn stilistisch unterscheiden? Wie seid Ihr Euren ersten Release-Abend angegangen?

Bardia: Wenn wir zusammen auflegen, spielen wir die ganze Zeit back-2-back und wo die Reise hingehen soll, ist meist ungeplant . Einer legt das erste Ding hin und der andere dann eins drauf.

Benni: Am liebsten spielen wir längere Sets. Wir entfalten uns erst so nach zwei bis drei Stunden. Aber das alles bei uns so gut funktioniert, ist auch eine zwischenmenschliche Sache. Und eine Herzensangelegenheit!

trndmusik: Gibt es erste Ziele, die Ihr Euch mit DIF gesteckt habt?

Benni: In der Panorama Bar spielen!

Bardia: Wir machen nichts auf Krampf! Jeder hat natürlich seine Ziele und wir würden schon gerne, dass es weiter geht. Bisher hat es gut angefangen und wir schauen weiter!

Benni: Erstmal kleine Brötchen backen. Es ist ja schon so, dass heute fast jeder auflegen kann. Mit Sync-Taste geht das, obwohl das für mich dann nicht auflegen ist.

trndmusik: Stellt Euch vor, Ihr könntet Euch etwas für die Hamburger Clublandschaft wünschen. Was wäre das?

Benni: Auf jeden Fall wieder so ein Club wie das „Click“, wo man blind hingehen kann und weiß, dass dort Qualität geboten wird!

Bardia: Was mir so ein bisschen hier fehlt, ist, dass vieles nicht honoriert wird. Bei einem Act wie Radio Slave kommen 130 Leute und eine Woche später spielt er im Berghain und die Hütte ist komplett voll!

Benni: Hier wird eher honoriert, wenn es auf einer Party viel Glitzer und es einen „Sich-selbst-anmalen-Stand“ gibt. Oder Konfetti-Trallala. Vielleicht sollte man auch mal das Smartphone in der Tasche lassen und einfach auf die Tanzfläche und Augen zu..

trndmusik: Aber woran liegt das denn? Meint Ihr, dass die Leute einen Radio Slave oder Heiko Laux einfach nicht kennen?

Bardia Salour: Das ist eine sehr gute Frage! Ich weiß nicht, ob die „neue Generation“ sich damit nicht auseinandersetzt. Ich kenn das ja von uns und wir haben uns auch mit der Musik  und dessen Protagonisten auseinandergesetzt. Ich will nichts unterstellen, aber ich glaube es viele junge DJs setzen sich  mit der Historie von Housemusik und Techno nicht auseinander.

trndmusik: Warum dauert es so lange, bis die Hamburger mal auf einer Party so richtig aus dem Quark kommen?

Bardia: Na ja, das sind die kühlen Hamburger eben – und dafür auch bekannt. Aber wenn es einmal zündet, dann ordentlich.

Benni: Wenn hier ein Club um halb 4 noch nicht voll wird, dann wird es auch nichts mehr! Eine Instanz gibt es da noch zu erwähnen. Das ist Christian von “Halli Galli“, der jahrelang uns hier gepuscht hat, immer wieder am Existenzminimum stand und eigentlich sein Leben eigentlich für die Clubszene aufgeopfert hat. Für mich ist das ganz klar die einzige Veranstaltung, wo ich noch zielorientiert hingehe. Da wird getanzt, da sind nette Leute und musikalisch wird Qualität abgeliefert!

Bardia: Wir sind beide Hamburger Jungs und für mich kam es nie in Frage von Hamburg wegzuziehen. hat nach wie vor starke Labels, Künstler & Clubs, wie z.B. “Liebe*Detail“, “Pampa Records” über “Smallville” bis zum “Pudel Club“.

trndmusik: Nochmal zurück zu Eurem Release: Warum habt Ihr auf Vinyl veröffentlicht?

Benni: Naja, ich wollte schon immer mal ne Platte mit meinem Namen drauf haben. Bei den 100 Veröffentlichungen bei Beatport, die jede Woche erscheinen, kannst du 98 in der Pfeife rauchen. Da kommt jeden Tag so viel Neues und ich finde schon, dass man sich etwas abheben muss, um nicht in der Digital-Flut unterzugehen.

Bardia: Es ist nach viel vor so, dass wir von der alten Schule kommen und selbst Vinylsammler sind. Klar, wir spielen auch digital und legen mit Timecode-Platten auf,
aber Vinyl bleibt einfach die Nr. 1!

Benni: Ein guter DJ sollte mit allen Sachen, die ihm zur Verfügung stehen, auf Anhieb umgehen können.

Benni: Eins möchten wir noch zum Schluss sagen: Ohne die Geduld unserer Freundinnen wäre das Ergebnis jetzt hier nicht möglich gewesen. Gerade die langen Studionächte mussten sie ertragen!

Bardia: Es hat sich gelohnt! Viele, die uns hinter den Plattentellern sehen, sagen sehen und fühlen, dass wir Spaß haben und mit dem Herzen dabei sind!

Benni: Ich hoffe, dass ich es mit 65 Jahren auch noch machen kann!

Bardia: Sven Väth hat gerade mit 50 seinen Geburtstag gefeiert, eine mega Welttournee hingelegt und hat immer noch Spaß daran!

Das Interview führte Sarah Schlifter.

 

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